„Mythos Galizien“ am 8. September um 23:30 Uhr im Kulturmontag/ORF

Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist für die westliche Welt kaum zu verstehen. Die Filmemacher Björn Kölz und Gernot Stadler begeben sich auf Spurensuche in einem Landstrich, der bis 1918 noch österreichisches Kronland war und nach einem Jahrhundert wechselvoller Geschichte heute abermals vor einer Zerreißprobe steht.

An die heute durchaus romantisierte Zeit, als Polen, Ukrainer, Juden und Deutsche in der Westukraine gemeinsam im “Haus Österreich” zumindest friedlich miteinander lebten, wird in Lemberg und anderen Orten noch gerne erinnert. Viele Menschen in der Ukraine haben ein ausgeprägtes „galizisches” Bewusstsein, das zumindest als Abgrenzung gegen den russisch dominierten Osten der Ukraine taugt. Lange haben sich die Westukrainer als die „ukrainischeren Ukrainer“ gefühlt, so der ukrainische Schriftsteller Jurko Prochasko und wurden in den Regionen östlich von Kiew dafür als arrogant und überheblich angesehen. So entstand für viele der Anschein, dass eine imaginäre Grenze das Land teilte. Doch die massive Gewalt der Regierungstruppen des Janukowitsch-Regimes gegen die Demonstranten am Maidan in Kiew haben einen tiefgreifenden Transformationsprozess in Gang gesetzt, wie die junge TV-Journalistin Olga Tokariuk erklärt. „Die meisten Menschen im russischsprachige Süden und Osten der Ukraine waren von der heftigen Aggression Russlands völlig überrascht. Das hat einen Identitätsfindungsprozess in Gang gesetzt.“, so Tokariuk.

Geht all dies die Österreicherinnen und Österreicher etwas an? Ja, heben die Regisseure deutlich hervor, indem sie ihren Film mit einem kritischen Zitat dazu von Schriftsteller und Galizien-Kenner Martin Pollack eröffnen: „Für Galizien galt auch, dass die Menschen im Westen sich gleichgültig abwandten und keinerlei Interesse, geschweige denn Sympathie für die Region zeigten. Eine Mischung aus Arroganz und Ignoranz, die sich im Verhalten gegenüber Galizien und den hier beheimateten Kulturen bis heute bemerkbar macht.“

Der Film zeigt, wie die Schüsse der Scharfschützen und die vielen Toten vom Maidan die ukrainisch- und russischsprachigen Bürger auch einander näher gebracht haben. Nicht wenige von ihnen kämpfen gemeinsam für ein freies, selbstbestimmtes Land zur Überwindung nationaler Vorurteile. „Der Maidan war eine universale Revolution, die aus der gesamten Ukraine im übertragenen Sinn ein Galizien gemacht hat“, sagt Jurko Prochasko und bezieht sich damit auf den multiethnischen und multikonfessionellen Charakter der einstigen österreichischen Provinz, wie er auch in Texten österreichisch-galizischer Autoren wie Joseph Roth oder Josef Wittlin greifbar wird. Auch die Schriftstellerin Natalka Sniadanko spricht von einer “Galizianiserung” der Ukraine.

Der Film erkundet Gegenwart und Vergangenheit dieses vielfach okkupierten Landstrichs anhand der Bedeutung, die das geschriebene Wort hier immer gespielt hat. Das Buch ist sozusagen der materialisierte Inbegriff der nationalen Kultur, des nationalen Gewissens und hat eine lange Tradition. Schriftsteller spielen als Erklärer und Vermittler in der ukrainischen Gesellschaft eine enorme Rolle. „Wir waren lange fast nur eine literarische Nation und haben nur als Text existiert“, so Jurko Prochasko.

Beate Thalberg
ORF Kultur

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